Ernährung und Gesundheit kontrovers

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Abnehmen: Fett- und Eiweiß egal, Hauptsache weniger Kalorien?

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Im April veröffentlichte die Deutsche Adipositas-Gesellschaft ihre neue Leitlinie zur Vorbeugung und Behandlung des starken Übergewichts. Sie war lange erwartet worden, da es eine Reihe neuer Erkenntnisse einzuarbeiten galt. Positiv ist denn auch zu bewerten, dass nun endlich empfohlen wird, die Patienten individuell zu beraten und nicht alle nach Schema F. Erfreulicherweise gesteht die  Leitlinie nun auch erstmals zu, dass zur Gewichtsreduktion auch kohlenhydratreduzierte Kostformen eingesetzt werden können. Schlagzeilen macht die Leitlinie nun aber vor allem durch einen  gravierenden Fehlschluss: dass zum Abnehmen ausschließlich eine verminderte Kalorienzufuhr wichtig sei und dass es nicht auf den Anteil von Eiweiß, Fetten und Kohlenhydraten ankomme. Prompt meldete unter anderem die Ärzte Zeitung, die neue  Leitlinie bringe einen „Diät-Mythos zu Fall“.

Mein Senf dazu

Rückfall ins tiefste Mittelalter der Abnehmerei – als hätte sich das  Kalorienzählen bewährt! Wie kommt es zu dieser Fehleinschätzung? Die Leitlinie bezog in ihre Beurteilung der verschiedenen Diätweisen nur jene Studien ein, bei denen die Kalorienzufuhr für alle festgelegt war. Studien, in denen man kalorienbeschränkte, fettarme Diäten mit kohlenhydratreduzierten Diäten ohne Kalorienbeschränkung (ad libitum) verglichen hatte, zeigen jedoch, dass die Kohlenhydratreduktion vorteilhafter ist: Die Menschen werden besser satt (wegen des höheren Eiweißanteils), sie bleiben länger dabei (wegen des besseren Geschmacks durch den höheren Fettanteil) und nehmen so nicht nur mehr ab, sondern verlieren auch mehr Fettmasse, erhalten mehr Muskelmasse und zeigen bessere Laborwerte (z. B. Triglyzeride, HDL-Cholesterin, Nüchterninsulin, Entzündungsmarker).

Was will man mehr, möchte man da entzückt ausrufen: den Leuten schmeckt´s, sie reduzieren ihren Fettanteil und ihre Risikoparameter sinken. Doch das scheint den Leitlinien-schreibenden Fachgesellschaften und ihren Claqeuren egal zu sein.

Quellen für meine Einschätzung: z. B. Hession et al. 2009, Buyken et al., 2014, Shai et al, 2008, Hu et al., 2012 sowie  Astrup und Brand-Miller 2014

Autor: Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

6 Kommentare

  1. Ja, ich war auch schockiert, als ich las, was für einen Unsinn die Deutsche Adipositas-Gesellschaft in ihren neuen Leitlinien verbreitet. Da heißt es z.B., dass es nicht notwendig wäre, zwischen den einzelnen Makronährstoffen zu unterscheiden (also zwischen Kohlenhydraten und Fett) und dass einzig und allein die Energiebilanz zählen würde. Das ist tatsächlich ein Rückfall ins tiefste Mittelalter. Es scheint so, als hätten die Verantwortlichen der Adipositas-Gesellschaft noch nie etwas davon gehört, dass Fett und Kohlenhydrate in unserem Organismus vollkommen anders verstoffwechselt werden.

    Dieser Auffassung basier auf der rein kalorische Denkweise, welche noch aus der Frühzeit der industriellen Revolution stammt. Das war damals hilfreich, um Dampflokomotiven zu bauen. Aber sie ist völlig ungeeignet um zu verstehen, weshalb heute viele Menschen mit Übergewicht zu kämpfen haben: eine Dampflokomotive wird schließlich auch nicht dick und fett, wenn man ihr zu kräftig einheizt – weshalb sollte dann der Menschen von einer positiven Energiebilanz dick werden?

    Die Gleichung, wonach eine hohe Energieaufnahme mit der Nahrung bzw. ein geringer Energieverbrauch mittels Bewegung zu Übergewicht führen würde, ist schon deshalb falsch, weil sie gar nicht berücksichtigt, unter welchen Bedingungen unser Körper Energie speichert: er ist doch keine Mülldeponie für unverbrauchte Kalorien, die sich einfach von selbst im Gewebe ablagern. Wenn das tatsächlich zutreffen würde, dann müsste der Mensch mit einer konstant positiven Energiebilanz von Monat zu Monat, und von Jahr zu Jahr immer dicker und fetter werden, was ist aber nicht der Fall: fettleibige Menschen halten in der Regel ihr Gewicht auf ein konstant hohes Niveau.

    Die Speicherung von Energie ist für unseren Organismus ein hochkomplizierter Vorgang, welcher mittels Hormonen gesteuert wird. Eine zentrale Rolle spielt hierbei das Hormon Insulin: ohne Insulin kann Energie nicht gespeichert werden. Deshalb wäre es angebracht, wenn endlich auch mal die Adipositas-Gesellschaft sich die Mühe machen würde, zwischen den einzelnen Makronährstoffen zu differenzieren. Schließlich ist es nur der Zucker und die Kohlenhydrate, die eine Insulinausschüttung hervorrufen, jedoch nicht das Fett!

    Fettleibigkeit hat also nichts mit einer positiven Energiebilanz zu tun, sondern es handelt sich hierbei um eine krankhaft erhöhte Energieeinlagerung, hervorgerufen durch eine hormonelle Störung, welche wiederum durch zu viele Kohlenhydrate begünstigt wird.

  2. Liebe Frau Gonder, Sie sprechen mir soooo aus dem Herzen! Vielen Dank hierfür. Ich bin dieses vorwurfsvolle „wenn die Leute einfach weniger Kalorien essen würden, als sie verbrauchen, dann wären sie alle schlank“ so Leid. Schön, dass Sie hier klar und deutlich schreiben! Ich glaube, das Problem an solchen Leitlinien ist unter anderem, dass sie von Theoretikern verfasst werden, die nicht in der täglichen Praxis Leute beraten und mit eigenen Augen sehen, was tatsächlich funktioniert und was nicht.

  3. Welch ein schöner Artikel- kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Mehr davon!

    • Danke für die Blumen!

      • Liebe Frau Stretz, na das ging ja runter wie Kaltgepresstes 😉 Haben Sie vielen Dank für Ihr schönes Feedback – wobei die Ehre in erster Linie meinen Co-Autorinnen gehört, die die Rezepte entwickelt haben – ich bin eher die „Erklärbärin“ für die Hintergrundinfos. Aber natürlich freut es mich sehr, wenn das Gesamtpaket gut ankommt, hilft und schmeckt. So soll es sein! Weiterhin viel Erfolg und Freude am neuen Essen, Ulrike Gonder

  4. Liebe Frau Gonder!
    Ich bin restlos begeistert von Ihren Büchern und Ihren Rezepten! Wir (Eltern, 1 Sohn mit 14) ernähren uns seit Sept14 ketogen und wir finden es nur toll! Wir, d.h. meistens ich, sind sowas von kreativ geworden, was das Kochen angeht, selbst das Brot backe ich mittlerweile selbst. Ich versuchte seit Jahren Pfunde zu verlieren, war nie erfolgreich. Auch Sport ist nicht das Allheilmittel! Die Keto-Kost hilft mir so unglaublich dabei! Besonders am Rumpf verliere ich Fett. Es macht Spass, wir haben Niemals Hunger geschoben, keine schlechte Laune kam auf und selbst unser großer Sohn, der ab und zu am Wochendende da ist fängt an, sich umzustellen. Ich habe damit angefangen und meine Familie war gleich dabei, weil alles so lecker war – Dank Ihren Rezepten! Die normale Ernährungsberatung war mir sehr suspekt und Ihre Tipps sind einfach umzusetzen! Vielen Dank dafür! Liebe Grüße!

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