Ernährung und Gesundheit kontrovers

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Demenz? Nebenwirkung? Oder Wassermangel?

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siehe auch Artikel: Mehr Fett fürs Hirn

Unter einer Demenz versteht man den chronisch-fortschreitenden Verlust höherer Hirnfunktionen, oft beginnend mit Erinnerungs- und Sprachstörungen. Im weiteren Verlauf kommt es zu einem bislang unaufhaltsamen Verlust an Hirnmasse, Hirnvolumen und Hirnfunktionen. Neben genetischen Veranlagungen ist das Alter der wichtigste Risikofaktor. In der sechsten Lebensdekade sind Demenzen noch selten, doch von den über 85-Jährigen ist bereits die Hälfte betroffen. Dennoch ist dement zu werden kein unausweichliches Schicksal! Immerhin gibt es auch zahlreiche Neunzig- und Hundertjährige, die geistig fit geblieben sind. So soll sich die mit 115 Jahren verstorbene Holländerin Hendrikje van Andel-Schipper bis zu ihrem Tod einer sehr guten geistigen Gesundheit erfreut haben. Ihr Gehirn, das sie der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hatte, wies bei der Autopsie keine Anzeichen einer Demenz auf. Bekannt für ihre Schlagfertigkeit antwortete sie auf die Frage, wie man so alt werden könne, sie habe täglich einen Hering verspeist und das Atmen nicht vergessen.

Die „eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“, die Alois Alzheimer vor gut 100 Jahren in seinem Münchner Arbeitszimmer beschrieb, scheint sich gerade zu einer Volkskrankheit zu entwickeln. Mit zwei Dritteln aller Demenzen gilt sie als die bedeutendste unter den Varianten des geistigen Verfalls. Doch genau damit hat die Biologin und Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze ein großes Problem. In ihrem Anfang des Jahres erschienen Buch „Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist“ beschreibt sie eindrücklich, wie schwierig sich die Diagnose demenzieller Erkrankungen gestalten kann. Im Grunde lässt sich eine Alzheimer-Demenz, wenn überhaupt, erst bei der Autopsie feststellen. Doch nicht einmal deren Ergebnisse sind immer eindeutig. Und so kommt Stolze aufgrund ihrer Recherchen zu dem Schluss, der so häufig proklamierte „Morbus Alzheimer“ sei nichts weiter als „ein Konstrukt. Ein nützliches Etikett, mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren schaffen lassen.“ Bis heute, so Stolze, wisse niemand, „was `Alzheimer` wirklich ist.“

Nur ein Konstrukt?

Die Biologin leugnet keineswegs, dass es viele verwirrte, vergessliche oder desorientierte Menschen gibt und dass demenzielle Erkrankungen in alternden Gesellschaften zunehmen. Sie weist jedoch darauf hin, dass es diverse Demenzformen und vor allem, dass es sehr viele verschiedene Ursachen für auffälliges Verhalten gibt. So kennt die Medizin eine Reihe degenerativer Erkrankungen, die irreparable Hirnschäden verursachen. Noch viel wichtiger ist aber, dass hinter Gedächtnisstörungen und Orientierungsproblemen leicht behandelbare Ursachen stecken können. Mithin würden den Patienten aufgrund einer ungerechtfertigten Alzheimerdiagnose wirksame Therapien vorenthalten.

Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang sind Medikamente, die vor allem von Senioren häufig in großer Zahl und Vielfalt eingenommen werden. Ihre Neben- und Wechselwirkungen, bei Psychopharmaka auch der Entzug, können Verwirrtheitszustände, unkontrollierte Bewegungen, Angstzustände oder Sprachschwierigkeiten hervorrufen. Diese Symptome seien vor allem bei älteren Menschen leicht mit einer Demenz zu verwechseln. Wenn, anstatt die Medikation zu überprüfen und zu korrigieren, eine Alzheimer-Krankheit konstatiert wird, ist das für die Patienten fatal.

Ähnlich verhält es sich, wenn Drogenmissbrauch, eine Alkoholabhängigkeit oder schlicht Wassermangel Symptome verursachen, die auch auf eine Demenz hindeuten könnten. Wenn es zu Vergesslichkeit, Verhaltensänderungen oder anderen kognitiven Problemen kommt, ist daher eine sehr sorgfältige Diagnostik nötig. Die hätte womöglich auch Gunter Sachs geholfen. Der bekannte Playboy und Fotograf litt offenbar unter Depressionen. Auch sie lassen sich manchmal nur schwer von einer Demenz unterschieden. Sachs wählte 2011, nach der Lektüre „einschlägiger Publikationen“, wie Stolze schreibt, den Freitod. Aus Angst vor Alzheimer, einer Krankheit, die bei ihm nie diagnostiziert wurde.

Autor: Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

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