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Weniger tierisches Protein, längeres Leben?

Am 9. Oktober titelte Focus online „Tierisches oder pflanzliches Protein? Was Sie von Ihrem Speiseplan streichen sollten, um länger zu leben“. Schon diese Überschrift ließ nichts Gutes erahnen. Im Beitrag wird eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg besprochen, die bereits im Februar in der Fachzeitschrift Nutrients erschienen war (Bajracharya, R et al.: Nutrients 2023;15:794). Nicht nur, dass die Inhalte teils fehlerhaft wiedergegeben werden, auch die Studie selbst wird nicht kritisch hinterfragt. Dabei gäbe es dafür etliche Gründe.

Die Studie …

Der Focus-Bericht bezieht sich auf eine Auswertung von Daten aus der EPIC-Heidelberg-Kohorte, also einem Teil der großen prospektiven Beobachtungsstudie EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition). Es handelte sich um rund 24.000 Erwachsene mittleren Alters aus dem Großraum Heidelberg, die zwischen 1994 und 1998, also vor etwa einem Viertel Jahrhundert, ein einziges Mal per Häufigkeitsfragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt wurden. Nach 16 bis 23 Jahren Beobachtungszeit (bis Ende Mai 2019) wurden nun die Sterbedaten ausgewertet (Gesamtsterblichkeit, kardiovaskuläre und Krebssterblichkeit). Anschließend errechnete man anhand statistischer Modelle, also theoretisch, welchen Einfluss der Austausch von tierischem Protein durch „nichttierisches“ Protein, durch diverse Kohlenhydrate und Fettsäureklassen auf die Mortalitätsdaten hätte. Dabei ging es um Mengen, die 3 % der täglichen Energiezufuhr (En%) entsprechen.

Außerdem wurde noch eine systematische Übersicht über sieben andere prospektive Beobachtungsstudien erstellt, in denen ebenfalls diverse Austauschmodelle berechnet wurden.

… und die Wiedergabe ihrer Ergebnisse

Im Focus-Bericht wurden die Kernaussagen der EPIC-Heidelberg-Studie in folgenden Punkten zusammengefasst (besucht am 17.10.23):

  • „Je mehr tierisches Protein, desto höher die Sterblichkeit. Das galt vor allem bei typischer Low-Carb-Ernährung: viel tierisches Protein, wenig Kohlenhydrate.“

ABER: Die Studie hat gar keine typische Low-Carb-Ernährung untersucht, die zudem auch nicht zwangsläufig reich an (tierischem) Protein ist. Es ging um einen theoretischen, per Modellrechnung simulierten isokalorischen „Austausch“ von 3 En% tierischer Proteine anstelle von Kohlenhydraten oder Fettsäuren. Bei der durchschnittlichen Energiezufuhr der Studienteilnehmer von knapp 2.000 kcal täglich entsprechen 3 En% rund 60 kcal. Und das wären rund 15 g Protein bzw. Kohlenhydrate oder etwa 7 g Fett.

Allerdings unterschied sich die Zufuhr tierischer Proteine zwischen jenen, die überlebten und den Verstorbenen nur um 14 kcal pro Tag, das wären rund 3,5 g Protein. Sollte eine solche minimale Differenz tatsächlich Einfluss auf die Sterblichkeit haben? Unwahrscheinlich. Im Übrigen macht die Studie überhaupt keine Aussage dazu, ob die Sterblichkeit tatsächlich mit der Zufuhr tierischer Proteine anstieg.

  • „Höhere Anteile aus tierischem Protein erhöhten (in Kombination mit wenig Kohlehydraten und Fetten) das Sterblichkeitsrisiko insgesamt, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – nicht aber die krebsbedingte Mortalität.“

ABER: Die in der EPIC-Kohorte theoretisch erhöhten bzw. erniedrigten Sterberisiken sind relative Risiken und wir erfahren nichts über die absoluten Sterberisiken – was entscheidend wäre, hätte die Modellrechnung eine praktische Relevanz. Außerdem sind diese relativen Risikoveränderungen durchweg minimal (5 bis 15 %), was nach den Bradford-Hill-Kriterien (Fedak, KM et al., 2015) gegen kausale Zusammenhänge und gegen eine praktische Relevanz spricht.

Richtig ist, dass sich die Krebssterblichkeit in all diesen Modellen nicht veränderte. Auch im systematischen Review aus sieben anderen Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen tierischen Proteinen und Krebssterblichkeit – und nach vollständiger Adjustierung auch nicht zur Gesamtmortalität!

  • „Wurde tierisches Protein durch pflanzliches Protein ersetzt, sank die Gesamtsterblichkeit.“

ABER: Die durch diesen theoretischen Austausch veränderten relativen Risiken waren im voll adjustierten Modell, das heißt, unter Berücksichtigung wichtiger Einflussfaktoren, in der EPIC-Kohorte NICHT signifikant. Damit hätten sie auch nicht erwähnt werden sollen!

  • „Das Sterblichkeitsrisiko stieg, wenn drei Prozent der Energie aus tierischem Protein durch Fett und Kohlenhydrate ersetzt wurden.“

ABER: Die (rein theoretischen) Zahlen aus der Studie sagen das genaue Gegenteil.

  • „Unabhängig von tierischem Eiweiß erhöhte sich das krebsbedingte Sterblichkeitsrisiko um zwölf Prozent, wenn mehrfach ungesättigte Fettsäuren durch gesättigte Fettsäuren ersetzt wurden.“

ABER: Die (rein theoretischen) Zahlen aus der Studie sagen das genaue Gegenteil (s. u.).

Ein Ei liefert übrigens auch keine 13 g Protein, wie im Focus-Bericht zu lesen war, sondern eher 7 g (Größe M), das weiß sogar Fit for fun. Aber das sind nur Peanuts angesichts der anderen „fachlichen Klopse“.

Zwei interessante Ergebnisse

Aus meiner Sicht sind zwei Ergebnisse der EPIC-Modellrechnungen interessant – vorausgesetzt, diese Modellierungen wären überhaupt von Relevanz. Dann hätten folgende beiden Ergebnisse in die Schlagzeilen gehört:

  • Würden 3 En% gesättigten Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt, stiege (theoretisch) die Krebssterblichkeit!
    Richtig gelesen: weniger gesättigte, mehr mehrfach ungesättigte Fettsäuren erhöhten in diesem Modell das Risiko, an Krebs zu versterben. Wenn das keine Meldung wert ist, wird doch seit Jahrzehnten behauptet, gesättigte Fettsäuren seien gefährlich (was sie nicht sind).
  • Würden 3 En% der tierischen Proteine durch „nichttierische“ Proteine ersetzt, änderte sich in diesem Rechenmodell die Sterblichkeit gar NICHT! Ein Austausch tierischer durch pflanzliche Proteine hätte also (wäre die Modellierung relevant) überhaupt keine Vorteile. Angesichts der heutzutage stetigen Predigt, man möge mehr pflanzliche Proteine verzehren, wäre auch diese Nachricht von Interesse.

Mein Senf dazu

Lange wusste praktisch jedes Kind, dass tierische Proteine aufgrund ihrer Aminosäurenzusammensetzung und deren guter Bioverfügbarkeit für die menschliche Ernährung besonders wertvoll sind. Das trifft sowohl für prekäre Ernährungssituationen zu, in denen schon kleine Mengen tierischer Proteine die Nahrungsqualität entscheidend aufwerten können, als auch für überernährte Wohlstandsgesellschaften, in denen neben der hohen Nährstoffdichte vor allem die geringe Energiedichte tierischer Proteinquellen (Ausnahme Käse) günstig ist. Dieses elementare und gesundheitsrelevante Wissen wird gerade systematisch zerstört, beispielsweise durch realitätsferne Modellrechnungen und unkritische Berichte darüber.

Schlimmer noch, es wächst gerade eine junge Generation heran, die glaubt, tierisches Protein, tierische Lebensmittel seien per se ungesund (und umweltschädlich, aber das ist eine andere Geschichte). Studien, wie die hier besprochene, treiben diese ungute Entwicklung voran. Und ich frage mich: Wem nützt das?

Wer kein Fleisch, keinen Fisch, keine Eier, keine Milchprodukte essen möchte, soll es eben lassen. Wir alle sollten uns für bessere Lebensbedingungen und Schlachtverfahren unserer Nutztiere einsetzen – da ist noch sehr viel Luft nach oben! Doch zu behaupten, tierische Lebensmittel seien per se ungesund, gar lebensverkürzend, ist schlicht falsch, sie den Menschen madig zu machen, ist nicht (mehr länger) zu entschuldigen.

 

Werbung für Protein-Seminar am 6.12.2023Quellen

Focus online-Beitrag vom 9.10.2023: Tierisches oder pflanzliches Protein? Was Sie von Ihrem Speiseplan streichen sollten, um länger zu leben

Bajracharya, R et al.: Effect of Iso-Caloric Substitution of Animal Protein for Other Macro Nutrients on Risk of Overall, Cardiovascular and Cancer Mortality: Prospective Evaluation in EPIC-Heidelberg Cohort and Systematic Review Nutrients 2023;15:794

Fedak, KM et al.: Applying the Bradford Hill criteria in the 21st century: how data integration has changed causal inference in molecular epidemiology. Emerg Themes Epidemiol 2015;12:14

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich stimme hundertprozentig zu – hier werden Forschungsdaten verzerrt und falsch wiedergegeben, vermutlich weil es gerade ins politische Klima passt. Auch unter ärztlichen Kollegen findet man diesbezüglich eine enorme Unwissenheit und zahlreiche ungeprüft übernommene Vorurteile, wie gerade wieder beim Lipoedema World Congress erlebt, wo die positiven Effekte der ketogenen Ernährung in mehreren Studien und Vorträgen dargestellt wurden, nur um von Kollegen, die keine Ahnung haben, als high risk diet zerrissen zu werden.

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