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Fake-News zu „pflanzenbasierter“ Ernährung

Bildquelle: Canva pro

Eine „pflanzenbasierte“ Ernährung ist zurzeit mega-in: Sie gilt als gesund, nachhaltig und gut für die Tierwelt. Sie soll vor Herzinfarkten und Diabetes und neuerdings sogar vor schweren COVID-19-Verläufen schützen. Also Hände weg vom Steak und Gurkensalat statt Impfung? Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen!

 

Das erste Missverständnis

Eine pflanzenbasierte Ernährung ist nicht zwangsläufig vegan, nicht einmal vegetarisch! Und das ist auch gut so. Denn eine gut zusammengestellte Mischkost mit reichlich Grünzeug zum Ei, zur Milch, zum Hering oder zum Schnitzel ist nährstoffdicht bei moderatem Energiegehalt, also genau das, was überernährte Bewegungsarme hervorragend nährt und sättigt, ohne sie zu mästen. Die mediterrane Küche, die LOGI-Ernährung oder auch die Flexicarb-Methode sind gute Beispiele für eine pflanzenbasierte Ernährung, die jedoch nicht per se auf tierische Lebensmittel verzichtet. Selbst viele Ketokost-Fans berichten, dass sie noch nie soviel Gemüse, Salate, Kräuter und Pilze gegessen hätten wie seit der Umstellung auf Keto. Und dennoch wir der Begriff „pflanzenbasiert“ häufig synonym mit vegan benutzt. Das kann zu regelrechten Falschmeldungen führen, wie das neueste Beispiel zeigt.


Schützt vegane Kost vor moderaten bis schweren COVID-19-Verläufen?

Diesen Eindruck könnte man gewinnen, blättert man durch eine aktuelle Arbeit im British Medical Journal, deren Ergebnisse von einigen Medien auch so wiedergegeben wurden. Auch in deutschen Medien wurde die Studie aufgegriffen (z. B. hier) – und ebenfalls falsch dargestellt. Denn in dieser Arbeit ging es gar nicht um vegane Kost oder um Pesketarier, also Menschen, die außer Fisch nichts vom toten Tier essen. Das ist der Fehler der Medien – man hätte die Studie halt lesen und durchschauen müssen.

Die Autoren selbst haben gar nicht behauptet, dass eine vegane Ernährung vor moderaten bis schweren Verläufen schützt. Aber die Art und Weise, wie sie ihre Ergebnisse präsentierten, öffnet solchen Fehlinterpretationen Tür und Tor. Wir verdanken einmal mehr der britischen Ernährungswissenschaftlerin Zoë Harcombe den Durchblick bei dieser Arbeit: Neben allerlei methodischen Schwächen (z. B. nur Online-Befragungen, keine validierten Diagnosen) ist vor allem dreierlei zu bemängeln:

  1. Die eigentlichen Vergleiche werden verschleiert, denn man verglich nicht Veganer mit Omnivoren, sondern Befragte, die sich pflanzenbasiert oder pesketarisch ernährten mit allen anderen, die das NICHT taten. Und das waren fast drei Viertel der knapp 3.000 Teilnehmer, allesamt berufstätig im Gesundheitswesen. Diese „anderen“ aßen entweder mediterran oder paleo oder keto oder low-carb oder high protein oder low fat. Eine vegane Ernährung wurde gar nicht untersucht.
  2. Wer sich pflanzenbasiert ernährte, nahm deutlich weniger zuckergesüßte Getränke und Alkohol zu sich. Dies wurde aber in der statistischen Auswertung (bei der Adjustierung) nicht berücksichtigt, was die Ergebnisse verfälschen kann.
  3. Ein weiteres Ergebnis der Studie besagt, dass Personen, die sich kohlenhydratreduziert (low-carb) oder proteinreich (high-protein) ernähren, ein viermal so hohes Risiko für moderate bis schwere COVID-Verläufe haben als jene mit pflanzenbasierter Ernährung. Dieses „Ergebnis“ basierte auf nur 4 Fällen und ist daher statistisch überhaupt nicht verwertbar, geschweige denn aussagekräftig.      


Erst in den ergänzenden Materialien wird erkennbar, was bei dieser Studie wirklich herauskam: Nichts! Bis auf eine irrelevante Ausnahme nur nicht signifikante relative Risiken, keine Zusammenhänge zwischen der Ernährung und dem Auftreten oder dem Verlauf einer COVID-Erkrankung.  Harcombes Urteil ist denn auch vernichtend: Diese Arbeit, so die Forscherin, sei bestenfalls irreführend und schlimmstenfalls unaufrichtig/verlogen (engl.: disingenuous).

Mein Senf dazu

Wie kommt so etwas in ein peer-reviewed Journal? Üblicherweise werden Fachartikel vor der Publikation von einem Team aus Fachkollegen (Peers) gegengelesen und kritisch überprüft (Review). Dieser als Peer-Review bekannte Prozess soll helfen, die Qualität der Veröffentlichungen sicherzustellen. Davon profitieren die Verlage, die Autoren und die Leser. Doch was derzeit an Schrottstudien zur Publikation kommt, ist unfassbar. Der Eindruck, dass es hier um handfeste wirtschaftliche Interessen geht, drängt sich auf. Es geht hier nicht um große Gemüseportionen, die ich sehr begrüße und selbst gerne mag. Doch meiner Meinung nach hat der – unbegründete – aktuelle Feldzug gegen tierische Lebensmittel rein monetäre Gründe und wir täten aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen gut daran, ihm äußerst kritisch zu begegnen.

Quellen
Kim, H et al., BMJ Nutrition, Prevention & Health 2021;0, doi: 10.1136/bmjnph-2021-000272, Harcombe, Z: Newsletter vom 14. Juni 2021

Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

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