Ernährung und Gesundheit kontrovers

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Jubiläumsartikel Schluss mit den Ernährungsmärchen! (1994)

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Was ist denn nun gesund? Wieviel wovon darf ich essen? Was macht wirklich dick? Sollte ich nicht besser Vitaminpillen schlucken? Es ist schon verrückt: hier im Schlaraffenland machen sich die Menschen große Sorgen um ihre Ernährung, wissen nicht mehr, was sie glauben sollen und (noch) essen dürfen. Neun von zehn Bürgern beklagen, dass die Informationen über Ernährung entweder widersprüchlich oder schlecht verständlich sind. In diesem Klima der Unsicherheit gedeihen die abstrusesten Ernährungslehren, da können Wundermittelverkäufer die schnelle Mark machen und allerlei Diätapostel ihr Unwesen treiben.

These: Vegetarier leben gesünder!

Menschen, die sich vegetarisch ernähren, leiden weniger an Herzinfarkt, Bluthochdruck und Übergewicht. Daraus wurde umgekehrt geschlossen, dass Fleisch und Wurst krank machen.

Bewertung: Ja und nein!

Vegetarier rauchen meist auch nicht, trinken kaum Alkohol und bewegen sich regelmäßig. Der Verzicht auf Fleisch alleine macht es nicht! Eine abwechslungsreiche vegetarische Ernährung kann sehr gesund sein. Wer allerdings auf Milch, Milchprodukte und Eier verzichtet, hat es viel schwerer, gesund zu bleiben. Diese extreme, sogenannte vegane Ernährung muss sehr gewissenhaft zusammengestellt werden. Für Kinder ist die extreme Variante gefährlich, weil zu einseitig!

These: Vergiss den Kochtopf!

Nach Ansicht extremer Rohköstler sollen wir fortan nur noch Rohes essen: ein wenig Gemüse, ein paar Nüsse und sonst nur frisches Obst. Grund: Das Erhitzen der Nahrung sei unnatürlich, schließlich würden Tiere ihr Futter auch nicht kochen.

Bewertung: Unsinn!

Der Mensch nutzt seit etwa 1 Million Jahren das Feuer. Es hat viele Nahrungsmittel wie Hülsenfrüchte, Getreide und Kartoffeln erst genießbar gemacht, weil die Hitze Gifte und verdauungshemmende Stoffe zerstört. Rohes Obst ist dagegen gut verträglich. Wären wir Menschen aber reine Früchteesser, müssten wir alle in den Tropen leben, wo es ganzjährig reifes Obst gibt. In unseren Breiten wären wir im Winter schlicht verhungert!

These: Täglich rohes Getreide!

Ein Frischkornbrei aus rohem Getreide, Obst und etwas Sahne ist nach Ansicht von Vollwertkost-Puristen für die Gesundheit unerlässlich.

Bewertung: Kann sehr einsam machen!

Vielen kranken Menschen hat eine zeitweise Umstellung ihrer Ernährung auf Vollwertkost und Frischkornbrei geholfen. Für Gesunde gibt es jedoch keinen Grund, rohes Getreide zu essen: Die Wenigsten vertragen es, weil es zu Verdauungsstörungen und Blähungen führt.

These: Eiweiß und Kohlenhydrate trennen!

Der amerikanische Arzt Howard Hay meinte in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, das menschliche Verdauungssystem sei mit gemischter Kost überfordert. Gesünder sei es, eiweißreiche (z.B. Fleisch) und kohlenhydratreiche Lebensmittel (z.B. Kartoffeln) getrennt zu essen. Mittlerweile gibt es viele Trennkost-Formen, mit zum Teil peniblen Essvorschriften.

Bewertung: Unnötig, aber es schadet nicht!

Hays Theorie ist falsch. Selbst ein empfindlicher Säugling verdaut Eiweiß und Kohlenhydrate zusammen. Der Körper kann die entsprechenden Verdauungssäfte gleichzeitig ausschütten. Trennen ist aufwendig und unnötig. Es gibt allerdings Menschen, die Trennkost besser vertragen, als das, was sie vorher aßen.

These: Nudeln machen dick!

Die Theorie, die z.B. zur Erfindung der fett-triefenden Atkins-Diät geführt hat: Nudeln enthalten Kohlenhydrate, die im Körper zur Ausschüttung von Insulin führen. Insulin fördert die Bildung von Körperfett. Daher sollen kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Zucker, Nudeln, Kartoffeln und Brot dick machen.

Bewertung: Von wegen!

Ob jemand dick wird oder nicht, hat viele unterschiedliche Gründe, allen voran die ererbte Veranlagung. Normalerweise wird das Gewicht vom Körper sehr genau reguliert. Dabei ist es egal, ob wir Nudeln, Kartoffeln oder ein Steak essen.

These: Enzyme machen schlank!

Enzyme sind Substanzen, die z.B. den Abbau von Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten im Körper bewerkstelligen. Schlussfolgerung: Enzyme fördern die Verdauung, also muss man viele Enzyme essen, um abzunehmen.

Bewertung: Die Geldbörse vielleicht!

Enzyme sind selbst empfindliche Eiweiße. Schon im „Säurebad“ des Magens können sie ihre biologische Wirksamkeit verlieren. Im Darm werden sie wie alle Eiweiße verdaut und sind endgültig unwirksam.

These: Destilliertes Wasser trinken!

Ausgerechnet die sonst so an der Natur orientierten Sonnen- und Rohköstler empfehlen, destilliertes Wasser zu trinken, obwohl es das in „freier Wildbahn“ gar nicht gibt. Es soll unter anderem vor Verkalkung schützen.

Bewertung: Ins Bügeleisen damit!

Die Mineralstoffe in unserem Essen führen nicht automatisch zur Verkalkung, sondern werden in der benötigten Menge vom Körper aufgenommen und genutzt. Ein lebender Organismus funktioniert eben doch etwas flexibler als ein Bügeleisen.

These: Milch ist nur für Kälber!

Die Milch der Säugetiere ist von der Natur für deren Nachkommenschaft vorgesehen. Aus dieser richtigen Beobachtung wird nun geschlossen, dass der Mensch nach dem Abstillen keine Milch mehr trinken soll und das Milchtrinken insbesondere für Erwachsene ungesund sei.

Bewertung: Für Kälber und für alle, die sie gut vertragen!

(Schließlich wächst die Tomate auch nicht extra für den Menschen.) Es gibt auf dieser Erde ganze Völker, die keine Milch vertragen. Afrikanische Massai dagegen leben zeitweise fast ausschließlich von der Milch ihrer Rinder. Europäer vertragen Milch und Milchprodukte meist sehr gut. Für sie sind Milch und Milchprodukte nährstoffreiche und gut verdauliche Lebensmittel.

Was tun?

Zunächst: Es gibt nicht „die“ eine, wahre, richtige Ernährung für alle. Jeder von uns muss für sich entscheiden, muss ausprobieren, was ihm bekommt und guttut. Wir können heute ganzjährig Obst und Gemüse in Hülle und Fülle essen, wir haben eine Riesenauswahl an Käse, Wurst und Milchprodukten zur Auswahl. Und mit ein bisschen Mühe findet man auch einen Bäcker, der noch gutes Sauerteigbrot aus Roggen bäckt. Da sollte es uns schon gelingen, gut und gesund zu essen.

Essen muss in erster Linie schmecken. Wer auf seinen Körper hört, wer nur das isst, was ihm bekommt, wer den Diäten ein für allemal entsagt und das schlechte Gewissen mitsamt den Wundermittelchen aus seiner Küche verbannt, hat die wichtigsten Schritte getan. Guten Appetit!

Autor: Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

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