Ernährung und Gesundheit kontrovers

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

To EAT or not to EAT?

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Dubioser Bericht in renommierter Fachzeitschrift empfiehlt Mangelernährung

Im renommierten Mediziner-Fachblatt Lancet erschien vor wenigen Tagen ein großer Bericht der internationalen EAT-Lancet-Kommission, der auf 47 Seiten darlegt, wie sich 37 Forscher eine gesunde und zugleich ökologisch nachhaltige Ernährung für alle Erdenbürger vorstellen (1). Das klingt gut, denn letztlich profitieren alle davon, wenn genug hochwertige Nahrung vorhanden ist und wenn die auch nachhaltig und ethisch vertretbar produziert wurde. Und dass hierfür mehr getan werden muss, ist unstrittig.

Allerdings hält der EAT-Bericht nicht, was er verspricht, und er wurde prompt massiv kritisiert (2-6), unter anderem als „vage, inkonsistent, unwissenschaftlich“ und „die bedeutenden Risiken einer veganen Ernährung für Leben und Gesundheit“ herunterspielend (2). Denn der tägliche Speiseplan, den die Mitglieder der EAT-Kommission entwickelt haben und der die Gesundheit und die Umwelt schonen soll, sieht vor, dass wir uns alle praktisch vegan ernähren sollen. Was unter anderem dazu führt, dass auch allerlei Fake-Lebensmittel (Milchersatz etc.) sowie Supplemente (z. B. B-Vitamine) promotet werden.

0 g Milchfett, dafür gerne Zucker und Palmöl?

So sieht nach Ansicht der EAT-Lancet-Kommission die „optimale“ tägliche Ernährung für alle Weltbürger aus (Hervorhebungen von mir):

232 g   Reis, Weizen, Mais und andere Vollkornprodukte
  50 g   Kartoffeln und Cassava (mögliche Spanne: 0 – 100 g)
300 g   Gemüse (Spanne 200 – 600 g)
200 g   Obst (Spanne 100 – 300 g)
250 g   Milch- bzw. Milchprodukte (Spanne 0 – 500 g)
     7 g   Rind- oder Lammfleisch (Spanne 0 – 14 g)
     7 g   Schweinefleisch (Spanne 0 – 14 g)
  29 g   Geflügel (Spanne 0 – 58 g)
  13 g   Ei (Spanne 0 – 25 g)
 28 g   Fisch (Spanne 0 – 100 g)
 50 g   getrocknete Bohnen Linsen und Erbsen (Spanne 0 – 100 g)
  25 g   Sojaprodukte (Spanne 0 – 50 g)
  25 g   Erdnüsse (Spanne 0 – 75 g)
   25 g   Nüsse
6,8 g  Palmöl (Spanne 0 – 6,8 g)
  40 g   ungesättigte Öle (Spanne20 – 80 g)
   0 g   Milchfett
  31 g   zugesetzte Zucker (Spanne 0 – 31 g)

Lässt man alle Lebensmittel weg, bei denen die empfohlene Menge auch 0 sein kann, blieben Getreide, Gemüse, Obst, Nüsse und ungesättigte (Pflanzen-)Öle übrig. Es wird also eine vegane Kost mit viel Vollkorn und Pflanzenölen empfohlen. Einmal abgesehen davon, dass sich so weder die Umwelt noch die Fruchtbarkeit der Böden retten lassen wird: Wer soll sich davon „optimal“ ernähren können? Zumal es derzeit noch immer über 800 Millionen Menschen auf der Welt gibt, die ohnehin schon mangel- und unterernährt sind. Dazu kommt, dass die empfohlenen Lebensmittelmengen (über 0 g, z. B. ¼ Ei oder eine Gabel voll Fisch) offenbar willkürlich gewählt wurden. Jedenfalls lassen sie sich wissenschaftlich nicht begründen.

Nicht evidenzbasiert

Zu den wichtigsten Kritikpunkten an diesem dubiosen Report (aus welchem Grund empfiehlt man Palmöl?) gehört weniger, dass er sich fast ausschließlich auf epidemiologische Studien beruft, die zur Begründung von Ernährungsempfehlungen – zumal für die ganze Welt – überhaupt nicht geeignet sind. Aus meiner Sicht sind es die (nicht deklarierten) Voreingenommenheiten der beteiligten Wissenschaftler (6) bzw. der Begründer des EAT-Projektes (2), die sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, der ganzen Welt eine vegane Kost aufzwingen zu wollen. Und das, obwohl im Report selbst steht, dass diese für Kinder, weibliche Teenager, Schwangere, Senioren, Unterernährte und Arme nicht ausreichend ist. Aber die könnten ja Supplemente einnehmen. Warum keine nahrhaften tierischen Lebensmittel? Und wie sollen die wohlgenährten, übergewichtigen, metabolisch nicht gesunden Menschen in den Überflussgesellschaften mit dieser mangelhaften Getreide-Soja-Pflanzenölkost gesünder werden?

Gegründet wurde die EAT-Stiftung, die diesen Bericht zusammen mit dem Lancet erstellte, von der norwegischen Milliardärin und Tierrechtlerin Gunhild Stordalen. Kein Wunder, dass sich durch den gesamten Report die (nicht substantiierbare!) Grundeinstellung zieht, tierische Lebensmittel seien ungesund, und nur pflanzliche gesund. Dies erinnert auf fatale Weise auch an die Einstellungen der weltweit agierenden Religionsgemeinschaft der Adventisten vom Siebenten Tag, die seit Jahrzehnten danach strebt, den Veganismus zu fördern. Allerdings nicht, um Tiere zu schützen oder Ressourcen zu schonen, sondern um der Selbstbefriedigung und anderen lustvollen Dingen entgegenzuwirken (5, 8).

Religion und Ernährung trennen

Wehe uns, wenn vegane Milliardärinnen und religiöse Moralapostel bestimmen, was wir in Zukunft essen sollen. Wo bleibt der Aufschrei der Ernährungsgesellschaften, der Fachzeitschriften, der Medien und der Wissenschaftler, sie sich seriös mit Ernährungs-, Agrar- und Umweltfragen befassen? Sollten wir nicht die Wahl haben, wie wir uns ernähren möchten? Höchste Zeit, Religion und Ernährung voneinander zu trennen!

Quellen:

  1. https://www.thelancet.com/commissions/EAT
  2. https://www.psychologytoday.com/us/blog/diagnosis-diet/201901/eat-lancets-plant-based-planet-10-things-you-need-know
  3. https://sustainabledish.com/20-ways-eat-lancets-global-diet-is-wrongfully-vilifying-meat/
  4. http://www.zoeharcombe.com/2019/01/the-eat-lancet-diet-is-nutritionally-deficient/
  5. https://isupportgary.com/articles/the-plant-based-diet-is-vegan
  6. https://www.foodnavigator.com/Article/2019/01/17/We-are-currently-getting-this-seriously-wrong-EAT-Lancet-issues-targets-for-healthy-sustainable-diets?utm_source=newsletter_daily&utm_medium=email&utm_campaign=17-Jan-2019&c=N4Lqp3Mtnq1EQz%2FPtBfDPg%3D%3D&p2=
  7. https://de.scribd.com/document/397606854/Walter-Willett-Potential-Conflicts-of-Interest
  8. https://record.adventistchurch.com/2018/02/20/churchs-goal-to-be-world-leader-in-lifestyle-medicine/

Autor: Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

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