Ernährung und Gesundheit kontrovers

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Jubiläumsartikel: Dem Diabetes genussvoll den Schrecken nehmen (2010)

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Die Zuckerkrankheit Diabetes tut nicht weh. Doch wenn sie nicht angemessen behandelt wird, kann es schmerzhaft werden. Eine schlechte Blutzuckereinstellung fördert Folgeerkrankungen, vor allem Gefäßschäden an Herz, Hirn, Beinen, Nieren und Augen. Daher kann es schlimmstenfalls zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, aber auch zu Blindheit, Impotenz und Amputationen kommen. Es gibt also triftige Gründe für Diabetiker, die Behandlung ihrer Erkrankung sehr ernst zu nehmen und sie sorgfältig durchzuführen. Denn bei einer guten Einstellung lässt sich auch gut mit einem Diabetes leben. … bei der häufigsten Diabetesform, dem so genannten Typ-2-Diabetes, lässt sich mit der richtigen Ernährung sehr viel und mit ein wenig mehr Bewegung noch mehr erreichen.

„Sie müssen abnehmen! Sie müssen sich mehr bewegen! Sie müssen Ihren Lebensstil ändern!“ Typ-2-Diabetiker kennen diese Aufforderungen nur zu gut. Diese drei Empfehlungen sind in der Tat das effektivste Mittel, um einen Typ-2-Diabetes an der Wurzel zu packen: um ihm vorzubeugen oder um gut mit ihm zu leben. Doch der Mensch gehört zur Gattung der Gewohnheitstiere, und das macht es ihm nicht gerade leicht, seine Lebensgewohnheiten zu verändern. Deswegen scheitern diese Aufforderungen in der Realität so häufig. Sie scheitern nicht, weil der (meist) übergewichtige Mensch mit Typ-2-Diabetes oder seiner Vorstufe, dem Metabolischen Syndrom, undiszipliniert ist und sich nicht an die Empfehlungen hält. Nein, ganz im Gegenteil. Häufig verlässt er ausgestattet mit einem Sack voller Ernährungsempfehlungen und hoch motiviert die Arztpraxis, stürzt sich mutig in das Abenteuer Gewichtsabnahme und endet über kurz oder lang doch frustriert.

Der Grund dafür ist nicht immer dort zu suchen, wo Mediziner ihn gern vermuten: in der so genannten Non-Compliance, also dem nicht kooperativen Verhalten der Patienten. Viel problematischer sind die derzeit geltenden Ernährungsempfehlungen für Diabetiker. Sie legen einem Typ-2-Diabetiker Steine, um nicht zu sagen Felsen in den Weg zur Gewichtsreduktion. Schnell kommt bei diesen Empfehlungen ein Gefühl von Aussichtslosigkeit und Verzicht auf. Man spürt, dass ein Durchhalten gehörig auf Kosten der Lebensqualität geht. Da erscheint es angenehmer, jeden Morgen eine Tablette zu nehmen, anstatt sich tagein, tagaus dem Problem zu stellen, wie man es schaffen soll, das Essen mit vielen Kohlenhydraten aber wenig Fett wohlschmeckend anzurichten. Denn genau so lautet die Empfehlung: viele Kohlenhydrate und wenig Fett.

Warum das nicht optimal ist, wird klar, wenn man das Wesen des Typ-2-Diabetes kennt. Es handelt sich um eine Kohlenhydrat-Verwertungsstörung. Vor diesem Hintergrund muten die offiziellen Ernährungsempfehlungen für Diabetiker seltsam an, die dazu raten, möglichst viele Kohlenhydrate zu essen (bis zu 60 Prozent der Kalorien). Es kommt einem vor wie der Versuch, ein Feuer mit Öl löschen zu wollen.

Dabei gibt es längst Alternativen: Kostformen, die nicht nur wirkungsvoller, sondern auch genussvoller sind, bei denen das Essen besser schmeckt, länger sättigt und das Abnehmen erleichtert. Denn so lange viele Kohlenhydrate gegessen werden, muss der Körper auch viel Insulin bilden. Viel Insulin hemmt jedoch den Fettabbau und steigert die Fettbildung – das heißt, man nimmt schlecht ab aber leicht zu. Deswegen ist Abnehmen gerade für Typ-2-Diabetiker besonders schwer: Sie sitzen in der Insulinfalle!

Doch es gibt einen Ausweg, einen, der sogar mit Genuss einhergeht: Wer die Kohlenhydrate, also Brot, Nudeln, Süßgetränke, Obstkonserven, Reis und Gebäck, reduziert, benötigt weniger Insulin, hat bessere Blutzuckerverläufe und nimmt leichter ab. Zugleich sinken die Blutfettwerte und das „gute“ HDL-Cholesterin steigt an. Dafür darf man bei eiweißreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Milchprodukten, Eiern und Hülsenfrüchten mehr zugreifen. Das sättigt besser und länger und senkt den Blutdruck. Auch mit Fett darf etwas großzügiger umgegangen werden. Das sorgt für mehr Geschmack im Essen und sofern man gesunde, naturbelassene Fette wählt, für bessere Cholesterin- und Blutfettwerte. Unter dem Strich sorgt eine kohlenhydratreduzierte Kost, wie zum Beispiel die LOGI-Ernährung, für mehr Geschmack, weniger Heißhungerattacken, leichteres Abnehmen, bessere Blutzucker-, Blutfett-, Blutdruck- und Insulinwerte.

Das Motto des am 15. Mai in Stuttgart zu Ende gegangenen 45. Kongresses der Deutschen Diabetes-Gesellschaft lautete „Diabetestherapie in Bewegung“; es stand für einen Aufbruch in der Behandlung der Erkrankung. Bleibt zu hoffen, dass auch Bewegung in die Ernährungsempfehlungen kommt – nicht nur zum gesundheitlichen Nutzen der Menschen mit Diabetes, sondern auch für eine bessere Lebensqualität.

Diabetes ist nur die Spitze des Eisberges

Alleine in Deutschland gibt es derzeit acht Millionen Menschen mit Diabetes mellitus. Das heißt, dass bereits jeder zehnte Bundesbürger die Diagnose „zuckerkrank“ zu hören bekam. Weltweit sind es gar 150 Millionen, und bis zum Jahr 2025, so die Schätzungen, könnten es 300 Millionen werden. Neben diesen bereits diagnostizierten Fällen dürfte es eine nicht unerhebliche Dunkelziffer geben, weil ein Diabetes meist nicht plötzlich auftritt, sondern sich über viele Jahre einschleicht. Vor allem der häufigsten Diabetesform, dem Typ-2-Diabetes, geht eine jahrelange Phase voraus, in der bereits Stoffwechselstörungen vorliegen, die jedoch vom Körper lange Zeit kompensiert werden können.

Nicht immer, aber oft beginnen die Probleme mit bauchbetontem Übergewicht und Bewegungsmangel, verstärkt durch eine erbliche Veranlagung sowie Stress. Unbewegte Muskelzellen klappen ihre Andockstellen für das Hormon Insulin ein. In der Folge gelangt weniger Zucker in die Muskeln, sie brauchen ihn schlicht nicht. Zucker der im Blut bleibt, ist jedoch ein Problem für den Körper und so bildet die Bauchspeicheldrüse etwas mehr Insulin, um den Zucker doch noch in die Zellen zu drücken. Was dazu führt, dass die Muskelzellen immer stärker versuchen, „dicht“ zu machen. Sie werden immer insulinresistenter, hören also immer weniger auf das Insulinsignal. Die Bauchspeicheldrüse produziert immer mehr, um den Blutzucker zu senken. Dieser Kreislauf endet in einem Teufelskreis, denn am Ende bewirkt das Insulin kaum noch etwas. Lässt dann auch noch die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse nach, steigt der Blutzucker an. Misst der Arzt im Nüchternblut mehr als 126 Milligramm Zucker auf 100 Milliliter, stellt er einen Typ-2-Diabetes fest. Klar ist jedoch, dass schon jahrelang zuvor eine Insulinresistenz vorgelegen hat, bei der zu viel Insulin und zu viel Zucker im Blut umher schwammen. Beides ist nicht gesund, es greift die Gefäße an, fördert Übergewicht und Entzündungen, hemmt den Fettabbau und macht müde. So steigt der Bauchumfang und auch die körperliche Bewegung fällt immer schwerer.

Schätzungen zufolge kommen auf die acht Millionen Diabetiker in Deutschland noch einmal 20 Millionen, die an der beschriebenen Diabetes-Vorstufe leiden. Sie zeigen noch keine erhöhten Nüchternzuckerwerte. Doch nach den Mahlzeiten ist ihr Zucker bereits erhöht, sie haben zu viel Insulin im Blut, zudem zu viel Blutfette (Triglyzeride), jedoch zu wenig vom „guten“ Cholesterin (HDL-Cholesterin). Nicht selten kommen noch Bluthochdruck, zu viel Harnsäure (ein Risikomarker für Gicht) und andere Störungen dazu. Dieses Zusammentreffen verschiedener Stoffwechselprobleme wird auch als „Metabolisches Syndrom“ bezeichnet. Es ist die Vorstufe zum Typ-2-Diabetes, geht jedoch selbst schon mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einher. Deswegen ist es klug, bereits in diesem Stadium aktiv zu werden und etwas für seine Gesundheit zu tun.

Die gute Nachricht lautet: Das Metabolische Syndrom reagiert sehr gut auf Ernährungsumstellung und Bewegung. Sämtliche Risikofaktoren bessern sich, wenn jener Nährstoff in der Nahrung reduziert wird, der dem Körper die meisten Probleme verschafft: die Kohlenhydrate.

Empfehlungen müssen überdacht werden

Sowohl die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) als auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen Typ-2-Diabetikern eine Ernährung, die überwiegend aus Kohlenhydraten besteht: 55 Prozent der täglichen Kalorien sollen aus kohlenhydratreichen Lebensmitteln wie Brot, Getreide, Kartoffeln, Reis oder Nudeln stammen. Dafür wird die Fettzufuhr auf 30 Prozent der Kalorien begrenzt. Das sind rund 70 bis 80 Gramm täglich, inklusive der versteckten Fette in Käse, Schokolade, Milch, Nüssen, Gebäck und Wurst. Diese Empfehlungen sind historisch gewachsen und gründen sich zum Teil auf die – unbegründete – Sorge, dass es vor allem das Fett in der Nahrung sei, das für das erhöhte Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko von Diabetikern verantwortlich sei.

Unbestritten ist, dass eine zu reichliche Ernährung sowohl das Auftreten eines Typ-2-Diabetes als auch das Risiko für Folgeerkrankungen erhöhen kann. Doch daran sind nicht (allein) die Fette schuld. Immer mehr neue Studien (z. B. 1) zeigen, dass die Risikofaktoren für eine Herz- oder Gefäßkrankheit am deutlichsten bei einer Ernährung sinken, die die Kohlenhydrate reduziert. Gesunde Fette und reichlich Eiweiß sind sogar günstig für den Stoffwechsel, wenn weniger stärke- und zuckerreiche Lebensmittel gegessen und vor allem getrunken werden.

Dafür spricht auch eine Studie (2), die auf der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft vom 12. bis 15. Mai in Stuttgart vorgestellt wurde. Sie belegt einen deutlichen Vorteil einer eiweiß- und fettbetonten, kohlenhydratreduzierten Ernährung. Die Reha-Klinik Überruh in Isny hatte in Zusammenarbeit mit dem renommierten Diabetes Center der Klinik München-Bogenhausen 32 Typ-2-Diabetiker untersucht, von denen je eine Hälfte fettarm und kohlenhydratreich gegessen oder zu Lasten der Kohlenhydrate etwas mehr Eiweiß und Fett auf dem Teller hatte. Obwohl die Gewichtsabnahme nach drei Wochen Reha in beiden Gruppen gleich ausfiel, hatten sich die Stoffwechselwerte und Risikofaktoren unter der kohlenhydratreduzierten Kost deutlicher gebessert als unter der fettarmen Ernährung. Das „intakte Pro-Insulin“, ein Marker für die Insulinresistenz der Patienten, besserte sich sogar ausschließlich unter der kohlenhydratarmen Kost.

Die vorteilhafte Kost ist als LOGI-Ernährung bekannt und war folgendermaßen zusammengesetzt: 25 Prozent der Kalorien stammten aus Kohlenhydraten, 45 Prozent aus Fett und 30 Prozent aus Eiweiß. Diese Werte lassen sich einfach umsetzen, indem man mehr Gemüse und Salat auf den Teller packt, zubereitet mit gutem Öl oder einem Stich Butter. Dazu gibt es je nach Geschmack und Verträglichkeit Fleisch, Fisch, Käse oder Eier. Die „Sättigungsbeilagen“ werden halbiert oder geviertelt, das heißt, es gibt deutlich weniger Kartoffeln, Nudel, Brot oder Reis. Mit Zucker gesüßte Getränke stehen auf der roten Liste, dafür darf man Milchprodukte in normalfetter Variante ebenso genießen wie zwei Portionen Obst täglich.

Die genannte Studie hatte noch einen weiteres hoch interessantes Ergebnis: In der Gruppe, die Kohlenhydrate eingespart hatte, sank der Medikamentenverbrauch um sagenhafte 70 Prozent. Die fettarm ernährte Gruppe konnte ihren Medikamentenbedarf dagegen nur um 6 Prozent senken. Es scheint also höchste Zeit, die Ernährungsempfehlungen für Typ-2-Diabetiker (und für alle, die es nicht werden wollen) zu überarbeiten.

 

(1) Buyken, AE et al: Optimal dietary approaches for prevention of type 2 diabetes: a life-course perspective. Diabetologia, DOI10.1007/s00125-009-1629-8

(2) Abstract Nr P239 des Abstractbandes des DDG-Kongresses, im Internet unter www.ddg2010.dedownloadbar.

Autor: Ulrike Gonder

Diplom Oecotrophologin, Freie Wissenschaftsjournalistin, neugierig, kritisch, undogmatisch

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